Damit die Energiewende gelingt, ist ausreichend Speicherkapazität für die Zeiten erforderlich, in denen Sonne und Wind mehr Energie liefern, als benötigt wird. Netzbetreiber und Energieversorger errichten deshalb große stationäre Batteriespeicher. Ein erheblicher Teil dieser Kapazität existiert jedoch bereits in den Akkus der Elektroautos.
Laut Mark Junker, Abteilungsleiter Netzintegration von Batterien und Speichersystemanalyse an der
V2H und V2G: zwei Konzepte, ein Prinzip
Fließt der gespeicherte Strom aus der Autobatterie zurück ins eigene Haus, spricht man von Vehicle-to-Home (V2H). Der Solarstrom, den die Photovoltaik-Anlage tagsüber ins Auto lädt, versorgt am Abend Waschmaschine oder Kühlschrank, statt teuren Netzstrom zu verbrauchen. Bei Vehicle-to-Grid (V2G) geht der Schritt weiter: Die Autobatterie wird zum Schwarmspeicher für das öffentliche Netz, gleicht Überproduktion und Nachfragespitzen aus und wird dafür vergütet.
Hyundai
Für private Haushalte ist vor allem V2H interessant: Kein Netzbetreiber ist involviert, keine Vergütungsabrechnung nötig, die Technik funktioniert bereits zuverlässig. V2G steckt in Deutschland dagegen noch stärker in der Erprobung, gewinnt aber an Fahrt. Seit Anfang 2026 gibt es erste kommerzielle Angebote für Privatkunden, bei denen ein Automobilhersteller gemeinsam mit einem Energieversorger die Rückspeisung ins Netz vergütet.
Die technische Basis: ISO 15118, EEBUS und Energiemanagement
Grundlage für die Kommunikation zwischen Auto und Ladepunkt ist die Norm für bidirektionales Laden über Wechselstrom. Ab dem 1. Januar 2027 wird sie für alle privaten und öffentlichen Ladestationen verpflichtend. Für die Steuerung im Haus setzt sich zunehmend der offene, herstellerübergreifende Kommunikationsstandard den sicheren Netzanschluss, und zwar sowohl für bidirektional ladende Fahrzeuge als auch für steckerfertige Speicher am Balkonkraftwerk.
Was Besitzer einer Photovoltaik-Anlage konkret benötigen
Wer die eigene Dachanlage mit dem E-Auto als Speicher kombinieren möchte, braucht drei Bausteine, die zusammenspielen müssen:
Bidirektional ladefähiges E-Auto: Nimmt Strom auf und gibt ihn kontrolliert wieder ab. Möglich ist das unter anderem mit VW ID.3, ID.4, ID.5, ID.7 und ID.Buzz mit 77-kWh-Akku und Software ab Version 3.5, Skoda Enyaq, Elroq und Epiq, Cupra Born und Tavascan, Hyundai Ioniq 5 und 6, Kia EV6 und EV9, BMW iX3, Renault 5 sowie der Nissan Leaf über Chademo.
Bidirektionale Wallbox: Wandelt den Gleichstrom aus der Batterie in Wechselstrom fürs Haus oder Netz um. DC-Lösungen wie Wallbox Quasar 2, Ambibox Ambicharge oder BMW Wallbox Professional; AC-Lösungen mit ISO 15118-20 wie die Kathrein KWB. beim Netzbetreiber als steuerbare Verbrauchseinrichtung angemeldet werden. Für die Rückspeisung ins öffentliche Netz ist zusätzlich eine Einspeisegenehmigung erforderlich. Die Investition für ein bidirektionales Komplettsystem liegt meist im mittleren bis oberen vierstelligen Bereich, unter günstigen Bedingungen amortisiert sie sich nach fünf bis acht Jahren.
Besonders lohnend ist die Kombination für Haushalte mit Photovoltaik-Anlage, aber ohne stationären Batteriespeicher: Hier übernimmt die Autobatterie kostengünstig die Rolle, die sonst ein separater Heimspeicher spielen würde. Auch als Absicherung bei Netzausfall punktet ein großer Autoakku gegenüber einem deutlich kleineren Hausspeicher.
Lohnt sich das für Balkonkraftwerke?
Ein Balkonkraftwerk arbeitet in einer völlig anderen Größenordnung. Der Wechselrichter darf maximal 800 Voltampere ins Hausnetz einspeisen, unabhängig davon, wie viel Modulleistung installiert ist. Seit der überarbeiteten VDE-Anwendungsregel vom März 2026 ist die frühere starre Obergrenze von 2.000 Watt Peak für die Module gefallen, an der Einspeisegrenze von 800 Watt ändert das jedoch nichts.
Über eine haushaltsübliche Schuko-Steckdose sind laut Produktnorm , eine gesonderte Prüfung durch den Netzbetreiber entfällt im Regelfall.
Ohne eigenen Speicher verbrauchen Betreiber eines Balkonkraftwerks nach gängigen Schätzungen nur 30 bis 40 Prozent des erzeugten Stroms selbst, der Rest fließt mittags weitgehend unvergütet ins Netz. Genau hier liegt die Versuchung, das E-Auto als Puffer einzuspannen – schließlich bietet ein Autoakku mit 40 bis 90 Kilowattstunden ein Vielfaches der Energie, die ein Balkonkraftwerk an einem Tag überhaupt erzeugt.
Die Größenordnungen passen aber schlecht zusammen: Ein 800-Watt-System liefert selbst an einem sonnigen Tag nur wenige Kilowattstunden, während eine bidirektionale Wallbox samt passendem Fahrzeug mehrere tausend Euro kostet und für den Betrieb ein eigenes Energiemanagementsystem sowie die Anmeldung als steuerbare Verbrauchseinrichtung voraussetzt. Dieser Aufwand steht in keinem sinnvollen Verhältnis zu einer Anlage, die selbst mit Speicher meist für wenige hundert bis rund 1.500 Euro zu haben ist.
Zendure
Für Betreiber eines Balkonkraftwerks liegt der wirtschaftlich sinnvollere Weg deshalb in einem kleinen Steckerspeicher mit ein bis zwei Kilowattstunden Kapazität. Er kostet üblicherweise 600 bis 1.200 Euro, amortisiert sich über die Nutzungsdauer und hebt den Eigenverbrauch spürbar an, ohne dass ein bidirektional ladefähiges Auto und eine teure Wallbox nötig wären.
Bidirektionales Laden lohnt sich also nicht, weil jemand ein Balkonkraftwerk besitzt, sondern weil ohnehin ein passendes Elektroauto in der Einfahrt steht oder eine größere Dachanlage ohne Hausspeicher betrieben wird. Wer beides mitbringt, für den zahlt sich die Investition erfahrungsgemäß eher aus als für Balkonkraftwerk-Betreiber, deren Erzeugung ohnehin kaum an die Kapazität einer Autobatterie heranreicht.
Fazit
Die Batterie im Elektroauto ist der größte ungenutzte Speicher der Energiewende, und 2026 fallen viele der technischen und rechtlichen Hürden für ihre Nutzung. Für Besitzer einer klassischen Photovoltaik-Anlage ohne Hausspeicher kann V2H den teuren stationären Speicher ersetzen, sofern Fahrzeug, Wallbox und Energiemanagement zusammenpassen. Balkonkraftwerk-Betreiber sollten dagegen zunächst zum deutlich günstigeren Steckerspeicher greifen.
Hersteller falls nicht anders angegeben
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